Die versunkene Kapelle im Baasee

Als noch unermessliche Wälder, von Hirschen, Rehen und wilden Ebern bevölkert, die ganze Gegend um Freienwalde bedeckten, wohnte in dieser tiefen Waldeinsamkeit ein armer Köhler, der eine einzige wunderschöne Tochter hatte. Dieser war bei ihrer Geburt von einer Fee die wunderbare Gabe verliehen, jene geheimnisvollen Wesen, die in den Bäumen und Blumen des Waldes leben, und die man Elfen, Nymphen oder auch Dryaden nennt, schauen zu können. Ja, nicht das allein, sondern die Elfen schlossen Ilse, das Köhlermädchen, oft in ihren Kreis und spielten mit ihr. Hatten sie sie doch von Herzen lieb, da Ilse nicht nur schön, sondern auch rein und gut war. Denn die Elfen, Gnomen und anderen Waldgeister zeigen sich nur unschuldigen, guten Menschenkindern. Als Ilse etwa siebzehn Jahre alt war, lernte sie eines Tages auf ihren Spaziergängen einen jungen Ritter kennen, der auf einer Burg in der Nähe von Freienwalde zu Hause war. Die beiden wurden bald vertraulich miteinander, und das schlichte Naturkind schenkte dem fremden, glänzenden Ritter sein reines junges Herz. Bei ihren häufigen Zusammenkünften im Walde nannte der Ritter das arme Köhlermädchen seine süße Braut und schwor ihr, sobald er mündig sein werde, sie zu seinem trauten Ehegemahl zu machen. Einmal, als er ihr dies wieder unter heißen Küssen versichert hatte, sagte Ilse zu ihm: Wenn ihr es wirklich treu und aufrichtig mit mir meint, so bitte ich Euch um eins: Ihr kennt gewiss die kleine Kapelle am Ufer des Sees. Dort verrichte ich jeden Sonntagmorgen mein Gebet. Da heute gerade auch Sonntag ist, kommt mit mir und wiederholt am Altar beim Gnadenbild der heiligen Jungfrau, was ihr mir soeben versprochen habt. Der Ritter lächelte im Stillen über den seltsamen Einfall seines Mädchens. Aber da er sehr verliebt in sie war und damals wohl deshalb seine Schwüre auch aufrichtig meinen mochte, tat er ihr den Willen. Während die Morgensonne den kleinen Kapellenraum durchflutete und das Bild der Mutter Gottes mit ihrem ersten Rosenschimmer schmückte, knieten die beiden vor dem Altar. Hier hob der Ritter seine Hand zum Eide empor, daß er seine liebe Ilse einst als seine rechtmäßige Gemahlin auf die väterliche Burg führen werde. Oft waren sie noch nach dem feierlichen Akte im Walde beisammen. Dann erzählte der Ritter seiner Liebsten, daß er eine Einladung zum Turnier nach Schloß Werbellin erhalten habe, und wahrscheinlich längere Zeit fernbleiben werde. Als er dann wiederkam, war er ein anderer geworden. Des Menschen Herz ist wandelbar. Der reiche Markgraf, der damals auf Schloß Werbellin hauste, hatte eine erwachsene Tochter. Die Väter waren befreundet und wünschten die Vermählung ihrer beiden Kinder. Doch der junge Ritter dachte voll Sorge an seinen Schwur, den er damals in unüberlegter Weise dem armen Köhlermädchen geleistet hatte. I lse merkte bald, daß ihr Geliebter verändert war. Aber in ihrem arglosen Gemüt ahnte sie zuerst die Wahrheit nicht. Da erfuhr sie in einer stillen Frühlingsnacht, als sie es nicht daheim auf ihrem Lager geduldet hatte, von ihren treuen Waldelfen den Grund, weshalb ihr vornehmer Freund jetzt so selten kam. Er geht auf Wegen, die von den deinen fortführen, Schön Ilse! Ein reiches Grafenfräulein wohnt nicht allzu fern von hier, die soll seine Ehegemahlin werden. Vorläufig quält ihn noch der Gedanke an dich und seinen Schwur. Aber nicht lange mehr wird es dauern, dann ist alles wie Spreu im Winde verflogen. Da weinte Ilse bitterlich. Als dies die Elfen sahen, wurden sie von Mitleid ergriffen: "Weine nicht, du gutes Kind. Sollte er wirklich seinen Schwur treulos vergessen, so werden wir dich rächen". Und der Ritter vergaß seinen Schwur. die vornehme reiche Dame hatte es ihm angetan. Ilse, das Köhlermädchen, war vergessen. Zuletzt kam er gar nicht mehr in den Wald, und dann drang zu der Verlassenen die Kunde, daß b ald die Hochzeit droben auf der Burg gefeiert würde, die Hochzeit des jungen Ritters mit der Markgrafentochter vom Schloß Werbellin. An einem schwülen Sommertage, als Ilse wieder allein und traurig am Walde saß, hörte sie die Glocken der kleinen Waldkapell e läuten. Und da sie den Klängen nachging, sah sie einen großen glänzenden Hochzeitszug auf dem Wege dorthin und erkannte an der Spitze des Zuges den treulosen Liebsten in seiner blitzenden Ritterrüstung, der ihr einst vor dem Altar des Waldkirchleins ewig e Treue geschworen hatte. Jetzt schritt ihm eine andere, eine vornehme, reich geschmückte Dame, hold lächelnd zur Seite. Als Ilse dies erblickte, fuhr es wie ein scharfes, zweischneidiges Schwert durch ihr armes, verratenes Herz, und besinnungslos brach sie auf dem Waldwege zusammen. Nicht lange danach entlud sich ein heftiges Gewitter über dem See. Unaufhörlich zuckten die Blitze und krachten schwere Donnerschläge. Schwarz wie die Nacht war der vor kurzem noch so leuchtende blaue Sommerhimmel geworden, und die Wellen des sonst so ruhigen Baasees begannen wild zu schäumen und zu tosen. Gerade als der Ritter mit seiner Braut vor den Altar der Waldkapelle trat, fuhr ein furchtbarer Blitz hernieder in bläulich leuchtendem Zickzack und traf zündend das kleine Gotteshaus. Die Flammen schlugen zum Himmel empor, dann ein gewaltiges Donnern und Krachen, und einen Augenblick später war die Kapelle mit der ganzen großen Hochzeitsgesellschaft wie vom Erdboden weggefegt. Die Fluten des Baasees, die noch immer schäumten und tosten wie aufgeregte Meereswellen, hatten sie in ihren Tiefen begraben. Auch Ilse, das Köhlermädchen, war verschwunden. Die Sage erzählt aber, daß sie nicht mit den anderen ertrunken sei, sondern, daß die treuen Waldelfen sie gerettet und zu ihrer König in gemacht hätten, nachdem ihr Menschenherz nun doch gebrochen war. Im Walde am Baasee könnt ihr sie in sternenklaren, stillen Sommernächten mit ihren lieblichen Gespielinnen den Reigen tanzen sehen. Ebenso läuten die Glocken der versunkenen Waldkapelle in solchen Nächten. Doch nur Sonntagskinder hören sie vom Grunde des Sees dumpf und klagend herauftönen.