Am Teufelssee bei Freienwalde

Die Herbstsonne schien mit schrägen, rötlichen Strahlen durch die hohen dunklen Kiefernwipfel, kletterte an den dicken, rissigen Stämmen herab und hüllte sie in einen leuchtenden, kupfrigen Schein.

Jetzt knackten leise ein paar trockene Zweige. Es klang, als schleiche jemand mit großer Vorsicht durch das Gebüsch. Dann brach einer die Zweige auseinander, und durch die Lücke schob sich sacht ein Mann auf den schmalen Waldpfad hinaus: Lauernd sah er sich nach allen Seiten um. Er war groß und hager, sein bärtiges Gesicht hatte er durch schwarzen Ruß völlig unkenntlich gemacht. er trug ein einfaches Wams und kurze Lederhosen, im Gürtel steckte ein langes Jagdmesser. Nicht lange brauchte der Mann zu warten, da erschien unter den Bäumen ein prächtiger Hirsch.

Wie ein Bild aus Stein saß der Mann, an den Stamm einer Kiefer gelehnt. Langsam, ohne das geringste Geräusch, hob er den Stutzen an die Wange, zielte ruhig und drückte los. Ein kurzer Knall, ein flatterndes Rauchwölkchen - der Hirsch machte ein paar Sätze zum Seeufer hin, dann brach er zusammen, und ein roter Blutstrahl färbte das grüne Moos. Plötzlich traf der Klang einer menschlichen Stimme an des Jägers Ohr. Er fuhr auf und hob blitzschnell den Stutzen empor. Seine wild funkelnden Augen hatten die Gestalt eines jungen Mannes erspäht, der, halb verdeckt von Büschen, in nächster Nähe stand. Da gellte ein Schrei durch den stillen Wald, ein Schrei voller Schrecken und Todesangst. Im selben Augenblick ertönte auch schon der scharfe Knall der Flinte, dann war alles wieder still.

Wie betäubt erhob sich der Junker vom Boden. Sein Blick irrte verständnislos zu dem Mann, der fassungslos auf ein junges Menschenkind blickte, das zu seinen Füßen lag. Entsetzen und Erschrecken breiteten sich über seine Züge: "Maria, du"? Er kniete neben ihr nieder und nahm ihren Kopf sanft in seine Hände. Beim Klang seiner Stimme und der zärtlichen Berührung seiner Hände schlug sie die Augen auf. Verständnislos blickte sie von einem zum anderen. Dann kam ihr plötzlich die Erinnerung, und mit angstvoller Ge bärde streckte sie die Hände nach dem Junker aus.

"Ich war dem Vater heimlich gefolgt und sah, wie er auf Euch zielte. Da warf ich mich zwischen Euch und den Vater, aber er hatte schon losgedrückt, und die Kugel, die Euch zugedacht war, traf mich. Ich trag es gern für Euch, Junker Heinrich, doch meinem Vater verzeiht, auch ich hege keinen Groll gegen ihn"! Ihre Stimme wurde immer leiser und schwächer. Noch ein Blick voll unendlicher, heißer Liebe umfasste den Junker, dann sank ihr Kopf mit den schweren schwarzen Flechten hintenüber.

Da zerriss heller Hilfthornruf und frohes Pferdegewieher die Waldesstille. Flinke Rosshufe trappelten dumpf über den Waldboden, und durch das grüne Unterholz kam eine bunte Jagdgesellschaft auf die Lichtung am Waldsee zugeritten, voran ein alter, weißbärtiger Ritter, dessen scharfe graue Augen voll tiefer Verwunderung an der Gruppe haften blieben. "Was bedeutet das, Heinrich"? Der Junker trat zu seinem Vater und erklärte ihm mit knappen Worten den Vorfall. Des alten Ritters Antlitz überzog eine dunkle Wolke. "Du also bist es, Friedrich Billung, der seit Monaten meinem Wild nachstellt. Nun hat dich die Strafe ereilt. So schlecht also vergiltst du meine Wohltaten! Doch da dein Kind sein Leben für meinen Sohn geopfert hat, sei dir das Leben geschenkt. Aber Haus und Hof nehme ich dir. Du sollst rechtlos und heimatlos umherirren. Das Gedenken an deine Bluttat sei dir Strafe genug"!

Einen Augenblick stand Friedrich Billung gesenkten Hauptes da, regungslos. Aber keine Bitten um Gnade kamen über seine Lippen. Noch einmal umfasste sein Blick Marias leblose Gestalt, dann wandte er sich kurz um, und war in wenigen Minuten verschwunden.

Bald lagen Wald und See wieder in träumender Ruhe da. Nur die Wipfel der Bäume flüsterten geheimnisvoll, und die dunklen Wellen schlugen klagend an das sandige Ufer des Teufelssees, als weinten sie um das junge, blühende Leben, das so sinnlos geopfert wurde.