Zwei göttliche Pferde

Zu Zeiten, wo sich Neid und Hass, Bosheit und Verschlagenheit und enorme Gewalt auf der Erde immer mehr ausbreiteten, sodass auch die Erde selbst sehr darunter litt, schickte die große Göttin zwei Pferde auf die Erde. Eines, eine weiße Stute, kam aus den Tiefen der Erde ans Licht und war so wunderschön, wie ein junger Frühlingsmorgen. Das Andere, ein schwarzer Hengst, schien direkt von der Sonne herabgestiegen zu sein, so feurig war sein ganzes Wesen. Sie waren das Symbol für eine friedvolle, ausgeglichene Welt. Himmel und Erde, männlich und weiblich, schwarz und weiß, Yin und Yang! Eine tiefe Liebe verband sie miteinander. Wo auch immer sie gemeinsam hintrabten, hielt die Welt den Atem an, solch ein tiefer, liebevoller Frieden breitete sich im Umkreis aus! Menschen die sich stritten, hörten damit auf und vertrugen sich wieder, Herrscher fanden Kriege plötzlich sinnlos und beendeten sie, Prügelnde umarmten sich und die Neidischen waren mit dem zufrieden was sie besaßen. Selbst Tiere und Pflanzen schienen inne zuhalten, um diese Augenblicke voller Ruhe und Entspannung zu genießen. Doch den Dämonen, welche sich von den negativen Energien der Menschen ernährten, die mit Neid, Hass, Bosheit und Gewalt verbunden sind, gefiel das ganz und gar nicht! Falls die beiden Pferde es schafften, die Liebe und den Frieden auf der ganzen Erde zu verbreiten, wäre nämlich damit ihre Existenz vernichtet. So fingen sie eines Nachts den schwarzen Hengst, sperrten ihn in einen gewaltigen Kerker mit dicken Mauern und legten einen Nebel des Vergessens über beide Pferde, sodass sie sich nicht mehr daran erinnern konnten, wer sie waren und was ihre Aufgabe war. Als die Stute morgens aufwachte, wusste sie nicht mehr wo sie war und wer sie war und was sie hier machte. Völlig durcheinander lief sie einfach in irgendeine Richtung… und lief… und lief… und lief … Kurz darauf ließen die Dämonen den Hengst wieder frei, der ebenfalls völlig verwirrt und ziellos in die Welt hinaus lief. Nach einigen Tagen umherirren traf die Stute auf eine Herde wilder Pferde und schloss sich ihnen an. Sie erkannte, dass auch sie ein Pferd ist, und dieses wohl die beste Art sei, wie Pferde leben können. Der Hengst dagegen kam an einen Hof und lernte, dass es für Pferde nichts Besseres gibt, als Menschen auf dem Rücken herumzutragen oder auch mal einen Wagen der Menschen zu ziehen. Doch der Nebel des Vergessens konnte ihre Seelen nicht ganz durchdringen, sodass sich beide immer irgendwie unvollständig fühlten. Sie hatten das Gefühl, als ob das, was sie jetzt machten, nicht ihr richtiges Leben sei. Sie fühlten sich dort, wo sie jetzt waren - die Stute in ihrer Herde und der Hengst bei den Menschen - immer unwohler. Eine große innere Unruhe machte sich in ihnen breit. So verließ die weiße Stute bald darauf ihre Herde und fing überall auf der Welt an, danach zu suchen, was ihr soviel Unbehagen verursachte, auch wenn sie noch nicht genau wusste, was das ist. Der Hengst hingegen reagierte störrisch und widerspenstig auf diese immer stärker werdende Unruhe, bis hin zur völligen Arbeitsverweigerung. Erst, als der klapprige Laster des Rossschlächters auf den Hof fuhr, spürte er, dass eine unangenehme Energie von dem Laster ausging, und diese ihn betrifft. Da befeite er sich, als man ihn aus dem Stall holte, um ihn auf den LKW zu verfrachten und suchte erstmal das Weite. Auch er fing an, nun ohne schützenden Stall, sich Gedanken über sein Leben und diese komische Unruhe in sich zu machen und suchte überall nach den Ursachen. Dieses ständige Suchen und Nachdenken ließ den Nebel des Vergessens immer lichter werden und bald waren auch schon die Seelen der beiden göttlichen Pferde davon befreit. Sofort wussten sie, dass sie zu zweit der Welt den Frieden brachten und begaben sich nachts, wenn die Pferde schliefen, auf die Suche nach ihrem Partner. Zwei Seelen die sich von ganzem Herzen lieben und auf der Suche nach einander sind, finden sich natürlich recht schnell, ja sie ziehen sich fast gegenseitig an! Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass es nur kurze Zeit dauerte, bis der feurige Hengst und die schöne Stute den richtigen Weg einschlugen, der sie bald zusammentreffen lassen würde. Oh, wie ärgerte das nun die Dämonen! Schnell mussten sie überlegen, wie sie dieses Wiedersehen der beiden göttlichen Pferde verhindern konnten. Da der Hengst ja gewohnt war in einem Stall zu schlafen, wollten sie ihn auch ein zweites Mal in einem solchen fangen. Mit dämonischen Kräften bauten sie in Windesschnelle ein großes Stallgebäude an den Weg, auf dem der Hengst zu seiner Gefährtin laufen würde. Da nun schon wieder die Dunkelheit hereingebrochen war, kam es dem schwarzen Hengst ganz gelegen, dass da ein leerer Stall war, in dem er in Sicherheit schlafen konnte. Doch was war das? Kaum dass er den Stall betreten hatte, verschwand das Tor und die Mauer verschloss von selbst die Lücke, sodass es keinen Ausgang mehr gab. Wieder gefangen! Zum Glück hatten die beiden den Nebel des Vergessens bereits einmal überwunden, sodass er ihnen ein zweites Mal nichts mehr anhaben konnte. In dieser Bedrängnis brachte die Seele des Hengstes ihn dazu, sich erst einmal schlafen zu legen, um dann auf schnellstem Wege die Seele der Stute um Hilfe zu bitten. Als die Stute am nächsten Morgen aufwachte, überkam sie ein unangenehmes Gefühl. Sie spürte, dass mit ihrem schwarzen Hengst etwas nicht stimmte und lief immer schneller die letzten Kilometer. Unterwegs begegnete sie ihrer Herde, die in der Nähe weidete. Sie bat ihre einstigen Lebensgefährten, mit ihr zu kommen, denn vielleicht benötigt sie Hilfe. Der Hengst, der nun auch aufgewacht war, spürte eine heftige innerliche Erregung! Irgendetwas musste jeden Augenblick passieren! Was für ein starkes Gefühl! Diese innerliche Erregung wechselte ständig zwischen Angst und Freude! Er war sich nicht sicher, ob nun die Dämonen kämen, um ihn zu quälen oder ob er befreit werden würde und er endlich seine geliebte weiße Stute wieder sehen würde. Er war schon völlig schweißgebadet, als dumpfe Schläge von außen gegen die Mauer donnerten. Immer mehr und immer heftiger! Der Putz begann bald zu bröckeln und erste Steine fielen heraus. Er wich zurück in die hinterste Ecke! Als die Löcher in der Mauer größer wurden, erkannte er zu seiner größten Freude, dass es seine geliebte weiße Stute ist, die mit einigen anderen Pferden die Stallmauer mit ihren Hinterbeinen zum Einstürzen brachte. Da war die Freude riesig! Endlich hatten sie sich wieder! Es begann sich nun gleich wieder ein starkes Feld der Liebe und des Friedens um die beiden herum aufzubauen, welches diesmal noch viel stärker wirkte, sodass die Dämonen nichts mehr ausrichten konnten. Nachdem die beiden liebevoll ihr Wiedersehen genossen hatten, begannen sie gleich damit, ihr Friedenswerk fortzusetzen, um für alle Zeiten die Dämonen zu besiegen und Neid und Hass, Bosheit und Verschlagenheit und enorme Gewalt von der Erde zu verbannen! Erst als sie ihre Arbeit getan hatten und die ganze Welt liebevoll in Frieden miteinander lebte, gründeten sie ihre eigene Familie.

© Bernd Schmidt 2011